24. Februar 2010

 

 

Selbstverständlich konnte ich mich auch ohne Husten prima verschlucken – und ich verschluckte mich oft, an meiner Spucke, an bloßer Luft, beim Trinken und Essen. Im Verhältnis zu dem, was ich alles aß und welche Mengen ich vertilgte, verschluckte ich mich beim Essen jedoch relativ selten ernsthaft. Im Laufe meiner Karriere als professionelle Verschluckerin habe ich mir eigene Vermeidungsstrategien erarbeitet, die ich konsequent einzuhalten versuche. Es gibt drei wichtige Regeln, die ich beim Essen beachten muss. Erstens: Beim Essen wird nicht gesprochen! Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für denjenigen, der mir das Essen anreicht. Denn selbst wenn ich mir fest vornehme nicht zu antworten, reagiere ich doch irgendwie auf das gerade Gehörte…oftmals mit Lachen. :o) Und schon sind wir bei Regel Nummer zwei: Beim Essen wird nicht gelacht! Das Lachen bringt nämlich alles durcheinander und meine Konzentration in Null Komma Nichts auf den Nullpunkt…und Nullpunkte sind immer doof. Somit lautet Regel Nummer drei: Konzentration, Konzentration, Konzentration!!! Ich versuche mich also beim Essen aufs Essen zu konzentrieren, nicht zu sprechen oder zu lachen. Das klingt so einfach, ist es aber nicht, denn nicht selten bin ich es, die meine eigenen Regeln bricht. :o( Zum Glück habe ich inzwischen gelernt mich „richtig“ zu verschlucken. Durch unzählige Selbstversuche fand ich heraus, wie ich mich verhalten muss, um das Verschlucken möglichst kontrolliert ablaufen zu lassen. Auch hier gibt es einige Regeln zu beachten. Bereits bei den ersten Anzeichen eines möglichen Verschluckens nehme ich den Kopf vorne runter auf die Brust, um sicher zu gehen, dass wenigstens die noch nicht zerkauten Nahrungsreste im Mundraum verbleiben und mir keinesfalls in die Quere kommen. Danach heißt es erstmal Ruhe bewahren, auch für meine Helfer – was natürlich viel leichter gesagt als getan ist. Die Schwierigkeit für sie besteht in solchen Momenten darin, nichts tun zu können, außer mir ab und zu den Mund abzuwischen. Ich selbst bin meist relativ ruhig, wie in einem Tunnel. Ich konzentriere mich vollkommen darauf, nacheinander die folgenden Dinge zu tun: husten, räuspern, schlucken, einatmen, ausatmen…immer schön der Reihe nach. :o) Grundsätzlich sind es eher die kleinen Stücke oder sogar nur Krümel, die im Rachen irgendwo hängen bleiben und einen plötzlichen Hustenreiz auslösen. Ich verschlucke mich also nicht an einem Stück Fisch oder einer Nudel, ich verschlucke mich an einem halben Reiskorn oder dem getrockneten Oregano der Tomatensauce. Gerne auch am Zucker auf meinem Latte Macchiato Schaum, losem Puderzucker, Salz oder Pfeffer. Gib mir irgendwas zu essen, ich finde unter Garantie die kleinste molekulare Einheit heraus und verschlucke mich daran – jeder kann etwas!

 

Den April verbrachte ich wie gesagt hauptsächlich draußen auf meiner Gartenliege. Es war einfach nur schön – die Sonne schien vom blauen Himmel, es war angenehm warm und nicht heiß und ich war endlich meine durch das permanente Anlehnen ans Kissen verursachte Schmerzen an der Ohrmuschel los. Prima, dachte ich mir, dann brauchst du ja auch die verordneten Beruhigungsmittel nicht mehr einzunehmen und ließ sie kurzerhand einfach weg. FEHLER, großer Fehler! :o) Was ich nicht bedacht hatte, mittlerweile war ich nämlich von den Dingern abhängig. Ich bekam Schmerzen, überall, mir tat alles weh, ich fror den ganzen Tag und auch nachts wurde mir trotz Wärmedecke und Körnerkissen nicht warm. Über eine Woche konnte ich mir keinen Reim darauf machen, warum es mir auf einmal derart schlecht ging…bis ich den Zusammenhang erkannte. Meine Schmerzen waren Entzugserscheinungen. Wie blöde konnte man eigentlich sein? Ich gab meinem Körper was er verlangte und schon waren die Schmerzen wie weg geblasen – irgendwie ganz schön gruselig. Das Zauberwort der nächsten Wochen hieß ausschleichen. Nach und nach reduzierten wir die Dosis, indem alle zwei Wochen etwas mehr von der Tablette abgeschnitten wurde. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen! Als mühsam erwies sich auch meine rekordverdächtig langsame Beantwortung der täglich eingehenden Flut an Mails. Ich bekam etwa zwanzig bis dreißig Mails beziehungsweise Gästebucheinträge am Tag, konnte aber höchstens fünf beantworten – schon nach kurzer Zeit stapelte sich die Post in meinem Outlook, dass mir ganz schwindelig wurde. Zum Glück habe ich eine kleine Schwester mit zehn flinken Fingern! Nina half mir, einen Großteil der Mails abzuarbeiten – so war ich Ostern wieder einigermaßen up to date. Merci Chérie! :o) Am Wochenende nach Ostern wurde mein Onkel Gerhardt aus Bayern sechzig und feierte seinen Geburtstag extra in der Nähe von Frankfurt, damit die Anreise für meine Eltern, Nina, Mirko und Luca möglich und nicht zu strapaziös war. Obwohl es meinem Vater nicht besonders gut ging, wollte er unbedingt dabei sein und entschied sich mitzufahren. Somit hatte ich sturmfreie Bude – dachte ich zumindest! Die drei Tage waren mit Kerstins Hilfe und der Unterstützung durch den Pflegedienst perfekt durchorganisiert. Meine freie Zeit zwischen ihren Einsätzen wollte ich für mich nutzen – schlafen, laut Musik hören, ohne Unterbrechung Filme schauen und vielleicht auch ein bisschen am Laptop arbeiten, sofern dies mein Husten zuließ. Diese Rechnung hatte ich jedoch ohne meine Mutter gemacht, die nämlich ihre Freundinnen Karin und Elke gebeten hatte, ab und zu bei mir vorbeizuschauen. Ich wusste nichts davon und dementsprechend überrascht war ich, als Minuten nachdem Kerstin gegangen war, plötzlich Karin und Gerd auftauchten. Vor lauter Überraschung habe ich mich zur Begrüßung erstmal heftig an meiner eigenen Spucke verschluckt, na große klasse! Kaum waren Karin und Gerd wieder weg kam Aksana um die Ecke. Sie wollte mir zwar nur kurz irgendetwas mitteilen, aber ich war schon leicht genervt – wenn das so weiter ging, dann würde ich durchdrehen!

 

 
  
  
 
 
  
    
 
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