18. Mai 2010

 

  

Auch Judy war bereits langsam am durchdrehen, sie kam durch das viele bellen müssen und sich anschließend doch freuen dürfen ganz durcheinander. Als Elke sie zwischen den beiden Nachmittagseinsätzen des Pflegedienstes zum Gassi gehen abholen wollte, hatte Judy schon fast keine Stimme mehr. Abends schaute erneut Kerstin vorbei und Stephanie brachte mich schließlich ins Bett und blieb über Nacht – Judy nahm das nur noch teilnahmslos zur Kenntnis. Platt lag sie auf dem Boden und schnarchte wie ein Kerl! :o) Ich weiß nicht, ob es an ihren zehn Hundejahren lag, ob irgendetwas vorgefallen war oder ihr die drei Tage derart zugesetzt hatten, jedenfalls war Judy seit diesem Wochenende verändert. Sie war ruhiger, fauler und entwickelte sich zu einer wahren Pupsmaschine. Wenn ich mit ihr alleine im Wohnzimmer war, hatte ich ganz schlechte Karten – Judy pupste in einer Tour vor sich hin und ich starb auf dem Sofa sieben Tode. So ein Hundepups steht in der Luft, da helfe, wie meine Pflegekraft Daniela scherzhaft bemerkte, nur wegatmen! :o) Das war jedoch nicht das einzige, was mir Sorgen bereitete. Judy wollte plötzlich auch das Haus bzw. den Garten nicht mehr verlassen, nicht mal, wenn Renate und Clifford sie zum Gassi gehen abholen wollten. Das war echt merkwürdig, denn normalerweise ist Judy beim Klingeln meines Handys vor Freude fast ausgeflippt und konnte es kaum erwarten raus zu kommen. Jetzt musste Renate mit Engelszungen auf sie einreden und quasi in Ketten abführen, damit sie überhaupt mit ging. Vielleicht war Judy aber auch nur sehr sensibel und nahm bereits Dinge wahr, die wir erst später erkennen mussten. Anfang Mai ging es meinem Vater so schlecht, dass er erneut ins Krankenhaus kam, und auch seinen 66-Geburtstag in dieser trostlosen Umgebung verbringen musste. :o( Wenige Tage später wurde Renate mit massiven gesundheitlichen Beschwerden ins Krankenhaus gebracht. 2009 hatte schon so deprimierend angefangen. Bis dahin war – zumindest meines Wissens nach – keiner der Betroffenen, die sich auf meiner Homepage vorgestellt hatten, verstorben. Ende Februar erreichte mich jedoch die traurige Nachricht, dass Ilona Siegfried gestorben war. Ein paar Wochen danach erfuhr ich vom Tod Detlef Meißners im März, im April verstarb Reiner Leinen und im Mai erschütterte mich eine Mail, in der mir eine liebe Freundin von Charlotte Beck sagte, dass Charlotte gegangen war. All diese Todesnachrichten erschreckten mich sehr, nicht nur weil wir uns durch die persönliche Schilderung ihrer Geschichte und diverse Mailkontakte „kannten“, sondern auch weil ich alle vier als unheimlich positive und kämpferische Menschen kennen gelernt hatte. Mir wurde wieder mal deutlich vor Augen geführt, wie schnell das Leben vorbei sein kann, und dass ein noch so starker Wille zu leben nicht ausreicht, um dieser Krankheit zu trotzen. Sie wird obsiegen.

 

Aber der Mai brachte natürlich auch ein paar schöne Momente mit sich. „Wir“ wurden Deutscher Fußballmeister – ole ole – und ich bekam viel erfrischenden Besuch, meine Ergotherapeutinnen Katja und Celine stellten mit ihren Töchtern Luisa und Nele meinen Alltag kurzfristig auf den Kopf, Kerstin und Olli hatten ihre liebe Mühe, Moritz und Carlotta von der landschaftlichen Umgestaltung unseres Gartens abzuhalten. :o) Da solche Besuche zwar immer sehr unterhaltsam sind, eine wirkliche Unterhaltung bei diesem Geräuschpegel aber nahezu unmöglich ist, kam Kerstin ein paar Tage danach noch einmal alleine mit Carlotta bei mir vorbei. Wir hatten uns viel zu erzählen, denn obwohl Kerstin im selben Ort wohnt, lag unser letztes Zusammentreffen unglaubliche sieben Monate zurück. Früher habe ich immer gedacht, die Leute spinnen, die behauptet haben, die Zeit würde schneller vergehen je älter man wird – heute muss ich jedoch erkennen, sie haben leider Recht. Es ist unfassbar, wie schnell eine Woche oder ein Monat vergeht. Ich nehme mir so oft vor, den Tag bewusst zu leben, jeden Augenblick zu genießen und mich an den kleinen Dingen zu erfreuen, aber manchmal rast ein Tag beinahe unbemerkt an mir vorbei und es ist plötzlich schon wieder Zeit ins Bett zu gehen, obwohl ich das Gefühl habe gerade erst aufgestanden zu sein. Auch die folgenden Wochen gingen einfach vorüber, ohne dass ich mich an einzelne Tage oder Geschehnisse erinnern konnte. Diese Zeit war geprägt durch den Krankenhausaufenthalt meines Vaters. Meine Mutter und meine Schwester besuchten ihn fast täglich sofern es sein Gesundheits- und Gemütszustand zuließen. Mein Vater hasste es krank zu sein, schwach zu sein, aber ich glaube, noch mehr als seine Erkrankung selbst machte es ihm zu schaffen, dass seine Familie und Freunde ihn in diesem für ihn unerträglichen Zustand sahen. Als Nina mich im Juni fragte, ob ich Papi, wenn es ihm wieder besser ginge, auch mal im Krankenhaus besuchen wollte, zögerte ich. Ich war mir nicht sicher, ob mein Vater es aushalten würde – ich weiß ja nur zu gut wie schwer es ist, Schmerzen zu haben und trotzdem zu lächeln, schwach zu sein und trotzdem stark zu erscheinen. Leider verschlechterte sich der Zustand meines Vaters in den folgenden Tagen zunehmend und am 27. Juni 2009 ist er ganz friedlich eingeschlafen. Obwohl wir lange Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten, traf uns diese Nachricht vollkommen unvermittelt. Auch wenn ich unendlich traurig bin, meinen Vater nicht mehr gesehen zu haben um Abschied zu nehmen, tröstet mich der Gedanke, dass er nun nicht mehr leiden muss. Er wird in meinem Herzen immer bei mir sein! Und ich bin mir sicher, dass wir uns irgendwann wieder sehen.

 

 
  
 
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